Kreatives: Momentaufnahme

Verdammt, ich hätte nie erwartet, dass Sabrina und ich eines Tages so enden werden. Noch bevor ich die Eingangstür zum Wohnheim erreiche, fängt sie mich total verheult und mit verschmierter Mascara ab.
Sie zieht mich zur Rede stellend auf den Parkplatz und schmeißt mich überraschend gegen den gegenüberliegenden Zaun. „Scheiße John…Wie kannst du nur so dreist sein und mir so krass ins Gesicht lügen? Gibt doch einfach zu, dass du ein Fuckboy bist!“ Sabrina schaut mir mit Tränen in den Augen eindringlich in mein Herz.
Sie scheint in mir nach Reue zu suchen, doch irgendwie ist da plötzlich nichts mehr, kein Gefühl, nicht einmal eine kleinste Regung.
„Ich hab’s gewusst! Ich bin für dich nur eine Trophäe, die du ergattern wolltest, du selbstverliebtes Arschloch!“ Statt ihre Beleidigungen zu kontern, schaue ich sie in dieser Nacht einfach nur an und lasse mir ihre Szene gefallen. Doch gerade als der Mond anfängt meine ausdruckslosen Gesichtszüge zu offenbaren, entgegne ich ihr „Sabrina, was erwartest du? Hoffst du wirklich, dass ich auf deine Lügen hier auf dem Parkplatz des Wohnheimes, vor den Augen aller Studenten, eingehe?“
Fuck alter, was soll das eigentlich von ihr? Warum macht sie mir hier in der Öffentlichkeit so eine Szene? Ich soll ein Fuckboy sein? Woher hat sie nur diesen Mist? Langsam, aber sicher ziehen einzelne Regenwolken vor den noch strahlenden Mond auf und die sternenklare Nacht verschwindet, wie ein Vorhang beim Start einer Theatervorführung. Meine Nackenhaare stellen sich auf, als bemerke, dass die Temperaturen plötzlich sinken und der Wind schlagartig zu nimmt.
Sabrina verliert endgültig ihre Fassung und bricht beinahe auf den harten Asphaltboden zusammen. „John! Ist das gerade wirklich dein Ernst? Wie lange willst du es mir noch verschweigen, dass du mit Victoria geschlafen hast und eigentlich mit ihr zusammen bist?“
Gerade als sie mir diese Worte emotional ins Gesicht wirft, donnert und blitzt es, als hätte ein Regisseur diese ganze Momentaufnahme geplant. Ich bin einfach nur fassungslos. „Fuck alter, wir kennen uns noch nicht einmal 2 Wochen und du hast es in kürzester Zeit geschafft mein ganzes Leben noch mehr zu ruinieren! Ich dachte echt, dass ich mit dir einen Typen gefunden habe, der anders als die anderen ist!“
Ihre Stimme wird mit jedem ausgesprochenen Wort depressiver und melancholischer. Sie feuert mit Worten um sich, die einen treffen und verletzen sollten, doch mich lassen sie kalt. Ich entscheide mich dazu nichts zu sagen und gucke stattdessen abwesend auf mein Iphone.
23:42 Uhr. Das ist also der Moment, in dem alles enden soll.
Sabrina schaut mich noch einmal mit ihren gebrochenen Engelsflügeln an und sucht in mir Antworten, die sie nicht richtig deuten kann. „Glaubst du eigentlich ich bin blöd, John? Ich weiß doch ganz genau, was innerlich in dir vorgeht. Du fühlst dich ertappt, du Wichser! Weißt du was? Das war’s mit uns! Ich will dich nie wieder sehen…“
Sie möchte einen angepissten und zu gleich stolzen Abgang hinlegen, doch ich merke in ihrem verzweifelten Gang, dass ihr Herz gerade implodiert ist und in 1000 Teilchen ihre stolze Seele zerfrisst.
Fast schlagartig wird mir bewusst, was Schweigen anrichten kann. Ich kämpfe mich aus meiner Schockstarre zurück ins Leben und probiere die richtigen Worte für diese Situation zu finden. „Nichts weißt du, Sabrina! 2 Wochen, oder besser gesagt, 2 Treffen sollen reichen, damit du weißt, wer ich bin? Ach komm, verarschen kann ich mich alleine! Du weißt gar nichts!“ Regen prasselt in mein Gesicht und ich fühle regelrecht den Schmerz in ihr.
Die Nässe lässt mich ihr nachrennen, denn ich will nicht, dass es so beschissen zu Ende geht. Aber sie hat bereits mit dem Thema abgeschlossen und rennt mit schnellen Schritten davon. Mit meiner linken Hand probiere ich Sabrina an ihrer zarten Schulter festzuhalten, doch der Regen lässt mich abblitzen.
„Scheiße Sabrina, jetzt bleib‘ stehen! Sei nicht so naiv und glaub‘ die Lügen, die sie dir einreden! Du weißt doch am besten, das dieses Leben gnadenlos und unfair ist. Keine ist so perfekt, wie du, ich liebe dich wirklich, Sabrina!“ Innerlich hoffe ich, dass sie durch den letzten Satz abrupt stehen bleibt und mich küsst, doch sie verschwindet in dem Schatten der Nacht und lässt mich alleine im Regen stehen…

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