Kreatives: Klassenfahrtsgefühle

Freitag 6. Stunde Mathematik bei Herrn Killinger, doch keiner seiner Schüler des 11. Jahrgangs kann sich mehr vernünftig konzentrieren. Kein Wunder, denn das Wochenende steht bevor und die kommende Klassenfahrt am Montag zur Ostsee ist auch noch nicht ganz fertig besprochen. „OK liebe Schüler, ich weiß, dass ihr eh nicht mehr richtig bei der Sache seid. Ich kann es ja auch verstehen, ihr freut euch viel lieber auf die Partys am Wochenende und auf unsere Fahrt.“ Nickend und gut gelaunt stimmen ihm die Schüler zu und lauschen seinen Worten mit viel Aufmerksamkeit. Jeder weiß doch, alles was der Lehrer nicht ausdrücklich verbietet, ist auf der Klassenfahrt erlaubt. „Ich weiß, dass sich viele jetzt schon darauf freuen auf der Fahrt so richtig zu eskalieren, doch da muss ich euch bremsen. Offiziell herrscht auf der kompletten Fahrt ALKOHLVERBOT.“ Die coolen Kids aus der letzten Reihe sind kurz entsetzt und die Kinnlade fällt ihnen nach unten auf den Boden. „Allerdings wisst ihr doch mittlerweile selber, was ich nicht sehen kann, kann ich auch nicht bestrafen. Frau Mayer und ich werden jeden Abend um 22 Uhr eure Zimmer kontrollieren. Seid ihr auf euren Zimmern, ist alles gut. Seid ihr nicht da oder wir erwischen euch bei einem Regelverstoß, dann wird es Konsequenzen geben. Und lasst mich euch warnen, wir scheuen auch nicht davor zurück, euch nachhause zu schicken!“, doch die coolen Kids grinsen nur nickend zu ihren Tischnachbarn, denn sie haben die Botschaft verstanden. Die Streber der Klasse bekommen dagegen etwas schiss. Werden sie über ihren Schatten springen?

Sonntagabend, Hannah sitzt frustriert vor ihrem platzenden Koffer. Sie braucht jetzt dringend den Rat ihrer besten Freundin Sarah, also ruft sie kurzer Hand bei ihr an. „Boah Sarah, platzt dein Koffer auch aus allen Nähten? Ich weiß einfach nicht, welche Sachen ich für die Fahrt brauche und welche nicht“, beginnt sie genervt zu lästern. „Aber Kondome hast du schon eingepackt, oder?“. „Kondome, Sarah? Ist das dein Ernst?“ Hannah hasst es, wenn ihre Freundin immer alles ins Sexuelle ziehen muss. Doch irgendwie hat sie Sarah deswegen auch besonders gern. So wird es zumindest nie langweilig. „Mensch Hannah wo lebst du denn? Die Jungs haben doch schon längst abgemacht, wen sie sich klar machen und wen sie abfüllen wollen …“ Sarah runzelt die Stirn und rollt ihre Augen. „Sarah ich kann das durch das Telefon hören, wenn du mit den Augen rollst. Aber die Lehrer haben doch gesagt, dass Alkohol verboten ist, oder nicht?“, entgegnet Hannah ihr vorsichtig und streberhaft. „OK, du kannst echt froh sein, dass wir befreundet sind. Du musst noch viel lernen. Aber keine Sorge, ich helfe dir auf der Klassenfahrt zu überleben. Du, da klopft gerade jemand bei mir an, ich muss auflegen … wir sehen uns morgen!“ Danach legt Sarah auf. Jetzt ist Hannah nur noch mehr verschreckt. Wird sie über ihren Schatten springen?

10 Uhr am Montag. Die Schüler treffen sich alle am Busbahnhof und laden ihre Sachen in den 3 Sterne Bus ein. Nebenbei klären alle untereinander die Platzverteilung. Wer sitzt neben wen? Wer jetzt nicht aufpasst, wird vorne bei den Lehrern sitzen und den ganzen Spaß in der letzten Reihe verpassen. Leon startet einen ersten Annäherungsversuch bei den Mädels. „Hey Sarah, hast du Lust neben mir zu sitzen?“, aber Sarah hat sich schon fest mit Hannah abgesprochen. „Tut mir leid Leo, ich sitze schon neben Hannah. Aber wie wäre es, wenn du dich mit Thorsten hinter uns hinsetzt? Dann macht die Fahrt auch mehr Spaß.“ Hannah ist etwas entsetzt. Eigentlich weiß Sarah genau, wie sehr sie Thorsten hasst. Er ist ein Egomane und ein Arschloch. Kurzerhand flüstert sie zu Sarah „Warum gerade Thorsten? Du weißt doch, wie sehr ich ihn hasse …“ Sarah ignoriert gekonnt diese Worte und zwinkert Leon fragend zu. „Ja klar Sarah, können wir so machen. Aber lass weiter nach hinten setzen. Da haben wir Ruhe vor Herrn Killinger und Frau Mayer!“ „OK abgemacht!“ Und genau so kommt es dann auch. Gemeinsam mit den Jungs sitzen Hannah und Sarah in der hintersten Reihe des Busses und genießen die lockere Stimmung. Musik, Kartenspiele und plötzlich geht auch eine Cola Flasche mit Havanna herum. Hannah wirft Sarah einen bösen Blick zu, als die Flasche zu ihr wandert, doch Sarah wirft ihr nur einen lockeren und gönnerhaften Blick zu. „Jungs, später. Ich habe noch nicht mal gefrühstückt. Fragt mich in einer Stunde nochmal.“

Mittwochabend 23 Uhr. Die Klasse hat sich mittlerweile sehr gut in der Jugendherberge eingelebt und sie halten sich auch vorbildlich an die Regeln der Lehrer. Bisher haben sie jeden Abend entspannt getrunken, geraucht und auch den einen oder anderen Joint herumgereicht. Hannah hat ihre Schüchternheit auch etwas abgelegt und trinkt ebenfalls mit. Doch trotzdem ist sie noch sehr vorsichtig, denn die Jungs gehen immer aufs Ganze und bringen rund um die Uhr dumme Sprüche über Frauen.

Heute Abend haben sich Leon, Thorsten und Samir zusammen mit Sarah, Hannah, Stefanie und Andrea auf dem Zimmer von Sarah und Hannah zum Trinken und Kartenspielen verabredet. Bier und Wodka O stehen bereit und sie haben sich in einem Sitzkreis zusammengefunden. Auf einmal wirft Samir „Lass uns doch Wahrheit oder Pflicht spielen“ ein und verwirrt so die anwesenden Mädels. Doch Sarah ist selbstsicher und stimmt seinem Vorschlag zu. Am Anfang sind die Fragen noch etwas lockerer. Wann hattest du deinen ersten Kuss? Wann war dein erstes Mal? Doch mit steigendem Alkoholpegel wird die Gruppe mutiger und lässt sich immer mehr zu Taten hinreißen. Du musst dein Oberteil ausziehen und du küsst sie. Die Stimmung wird immer inniger. Aber Hannah ist sich immer noch nicht sicher, ob sie bei der ganzen Show mitmachen soll. Ist das wirklich Spaß oder einfach nur daneben? Gleicht das nicht einem Porno? Als die Flasche auf Hannah zeigt und sie sich für Tat entscheidet, soll sie Steffi einen Zungenkuss geben. Sie überlegt kurz, doch der Alkoholpegel beeinflusst ihre Entscheidung. Immerhin muss sie keinen der Jungs küssen und beugt sich zu Steffi hinüber. Sarah hätte mit dieser Entscheidung niemals gerechnet. Sie hat eigentlich erwartet, dass sie irgendwann einfach das Zimmer verlässt. Doch auch als fast alle nur noch in Unterwäsche dasitzen, bleibt Hannah entspannt.

Am nächsten Morgen wacht Hannah total verkatert und übermüdet auf. Sie schaut auf die Uhr und erschrickt kurz. Alle anderen sitzen schon längst beim Frühstück. Schnell zieht sich Hannah halbwegs vernünftig an und jagt ebenfalls zum Frühstücksraum. Doch als sie die Räumlichkeiten betritt, wird sie von allen komisch lachend angeguckt. So als würden ihre Mitschüler nicht mit ihr lachen, sondern über sie. Hilfesuchend guckt sie sich im Saal um und findet schließlich den Platz neben Sarah. „Du Sarah, was ist gestern alles passiert? Ich kann mich beim besten Willen an nichts mehr erinnern! Und wieso gucken mich alle so komisch an? Sarah, bitte sei ehrlich …“ „OK, aber bitte flippe nicht aus … Du meintest ja, dass Thorsten voll der Arsch ist … Na ja, du hattest recht!“ Hannah schaut mir großen, traurigen Auge zu Sarah „Er hat doch nicht etwa?“, Sarah unterbricht sie sofort „Doch hat er!“

Plötzlich kommt Justin vom Nebentisch vorbei und entgegnet „Hannah, ich wusste gar nicht, dass du so freizügig bist. Dachte er, dass du verklemmt bist. Aber schicke Titten und schöner Arsch!“ „Fick dich Justin, verpiss dich!“, fauchte Hannah. Kaum beim Frühstück angekommen, rennt sie auch schon wieder aus dem Saal. Ihre Augen sind Tränen unterlaufen und ihr schluchzen ist größer als der tiefste Schmerz. Kurzer Hand beschließt sie sich den ganzen Tag über in ihrem Zimmer einzuschließen. Hannah weint unaufhörlich, eine Welt bricht für sie zusammen, sie möchte sich am liebsten das Leben nehmen. Warum tun Jungs so etwas? Warum können nicht einfach alle schweigen? Hätte ich doch bloß keinen Alkohol getrunken. Hannah sucht händeringend nach Erklärungen, doch ihre Frustration lässt keine andere Emotion als den Selbstmord zu. Mit dieser Peinlichkeit möchte sie einfach nicht leben. Sie nimmt eine Rasierklinge aus ihrem Beinhaarrasierer und fängt an sich vorsichtig in den Arm zu schneiden. Die Schmerzen kann sie nicht unterdrücken und beginnt zu schreien.

Sarah ist ihr wenige Minuten später nachgerannt und klopft voller Wut an die Zimmertür. „Hannah, was ist los? Was machst du da? Mach sofort die Tür auf!“ Doch als das Blut langsam unter der Tür hervor läuft, weiß Sarah sofort was passiert ist …

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