Kreatives: Ich muss mit dir reden

Heute habe ich für euch einen kleinen Ausschnitt aus meinem Buch „Mein Herz in deiner Hand„. Ihr könnt das Buch aktuell über Books on Demand, Thalia, Hugendubel und in allen weiteren Buchportalen erhalten, Sowohl als Print, als auch als E-Book 🙂

 

„Hast du den Menschen schon einmal in die Augen geschaut? Der Eine ist auf Kokain, der andere total verheult! Und das nennst du ein glückliches Leben?“,
dabei schaue ich Victoria tief in die Augen und suche nach Verständnis. Sie nickt und nimmt noch einen Schluck aus ihrer Bierflasche. „Ich versteh‘ total, was du meinst Johnny…“ Sie streichelt mir mit der Hand einfühlsam, aber doch ein bisschen zu lang über meine linke Schulter.
„Weißt du, ich habe es einfach satt, dass die Menschen mir direkt ins Gesicht lügen. Der Eine ist krasser als Andere und ein Dritter hat die Welt aus ihren Angeln gehoben. Ich bitte dich Victoria, wie kann man nur auf so etwas hereinfallen?“
Aber sie geht an diesem Dienstagabend nicht weiter darauf ein. Würde ich ehrlich gesagt auch nicht, denn das zerstört nur den Ferienblues. Eine Mischung aus Freiheit und Zerstörung.
Für einen Moment entsteht zwischen uns eine knisternde Ruhe. Wir schweigen uns an und genießen die Geräusche der Natur. Ganz am Ende des Iller Radwegs in Richtung Sankt Mang verläuft ein kleiner, abgeschlagener Weg hinunter an die Iller. Verwuchert aus Sträuchern und Gräsern, aber für Schwärmer außergewöhnlich. Dahinter verbirgt sich eine schmale Düne aus harten Steinfelsen, die dir einen Ausblick auf einen kleinen, aber dennoch imposanten Wasserfall ermöglichen.
Genau zu dieser Stelle hat mich Victoria heute Abend eingeladen. Eigentlich habe ich keine Lust dazu mit ihr abzuhängen, aber dafür kennen wir uns schon zu lange. Ebenso hat sie mir auf WhatsApp geschrieben, dass sie unbedingt mit mir reden müsse. Das hat dann schon meine Neugierde geweckt, sodass ich die Einladung nicht ablehnen konnte. Nach einigen Minuten der Stille lege ich mein geleertes Bier aus der Hand und schaue zu Victoria hinüber. In der Finsternis wirkt ihr Gesicht wie verzaubert, so magisch anziehend und strahlend.
„Hey, hast du Lust in dieser warmen Frühlingsnacht schwimmen zu gehen?“. Dabei schaue ich sie zwinkernd an. „Aber nicht nackt!“, gibt sie mir konternd zurück, während sie ihr Oberteil auszieht. Ich kann dir nicht sagen, warum sie plötzlich einen Reiz auf mich ausübt, denn eigentlich finde ich Victoria eher abstoßend, aber nicht heute Abend. Ich ziehe mich auch bis auf die Boxershorts aus und gehe mit ihr an den Rand des kalten Flusses. Wir zittern beide, doch ich lasse mir die Mischung aus Angst und Adrenalin nicht anmerken.
Nach einigen Sekunden bin ich der erste von uns beiden, der sich in das kalte Nichts aufmacht. Auch wenn ich verunsichert bin, was mich in der Mitte des dunklen Flusses wartet, stoße ich in das Ungewisse vor. Ich fordere Victoria spöttisch auf mir zu folgenden. Das lässt sie sich natürlich nicht zweimal sagen. Auch wenn sie nach außen eher prüde und altmodisch wirkt, ist sie innerlich ziemlich gerissen und herausfordernd. Vielleicht ist es auch genau diese Ader in ihr, die mich Victoria anziehend finden lässt. Ich schwimme ihr etwas entgegen und spritze sie mit dem kalten Wasser ab.
„Ey John, lass das!“, kichert sie mir lieblich zu. Sie hebt ihre arme schützend vor sich, doch scheitert an diesem Versuch, da sie nicht gleichzeitig sich schützen und schwimmen kann. Ich lache sie aus. „Maaan Johnny, hör‘ auf mich zu mobben.“.
Sie kann nicht anders, als bei diesen Worten leicht zu schmunzeln. „Ist ja schon gut, Victoria. Ich höre ja schon auf“, und hebe sie zurück mit meinen starken armen über die Wasseroberfläche. “ Du wolltest also heute Abend noch unbedingt mit mir reden, Victoria?“.
Plötzlich verstummen wir beide. Außer das flimmernde Geräusch unserer Zähne und das leise Schwappen der Wellenschläge ist nichts mehr zu hören. Wir zittern beide vor Kälte und vor dem Gefühl, was gleich passieren wird. Ich stupse Victoria auffordernd und grinsend an. Aber anstatt mit den heimlichen Worten heraus zu rücken, klammert sie sich mit ihrem Körper wärmend um mich.
Auch wenn man denken mag, dass wir beide dadurch untergehen, täuscht es. Ich bin talentiert genug, um uns beide über Wasser zu halten. Sie schmiegt ihren Kopf elegant um meinen und beginnt in mein Ohr zu flüstern. „John! Ich bin in dich verliebt und möchte mit dir zusammen sein. Ich hoffe, dass ich dich damit jetzt nicht überfordere…“, Victoria macht eine kurze Pause, um ihren Kopf direkt vor meinen Lippen zu positionieren. Dann fährt sie mit ihrem Satz fort. „…aber willst du mein Freund sein?“. Fast schon hollywoodreif schaut sie dabei in meine dunklen Augen und erhellt sie mit einer aufstrebenden Lebendigkeit.
Gleichzeitig lässt sie ihren Mund langsam, aber sicher auf meinen schnellen. Wenn ich es nicht wollte, dann wäre jetzt die Möglichkeit alles abzubrechen. Doch ich erwidere den Kuss ihrer zarten Lippen und gebe mich dem Moment hin. Plötzlich fühlt sich diese ruhige Nacht atemberaubend und lebendig an. Ein Moment, der das Leben erst erträglich macht und gegen diese Einöde der Routine kämpft.
Wir küssen uns noch eine Weile, bis wir irgendwann total überkältet aus dem Fluss steigen. Nachdem wir uns beide wieder angezogen haben, muss ich Victoria verlegen angrinsen. „So, du musstest also dringend mit mir reden? Aaahja!“. Dabei muss sie selbst lachen und fällt mir erneut um den Hals.

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